Streetball

Portrait

Das A – Z des Streetballs

„Streetball kept the city alive.“ Würde man einige der heutigen Ikonen der Szene fragen, wie sie damals den Weg zum Streetball-Court gefunden und warum sie Tage über Tage dort verbracht haben, könnte das von vielen die Antwort sein. Streetball-Legende Rafer Alston alias Skip to my Lou, 1976 in New York City geboren und ehemaliger NBA-Spieler, prägte dieses Zitat in einem Interview im Jahre 2013. Seitdem findet sich dieser kurze Satz nicht nur auf zahlreichen Streetball-Wallpapern, sondern gilt für viele auch als Antwort auf die Frage, wie es zu der Entstehung und Verbreitung von Streetball kam.

Streetball = Basketball?

Fangen wir am besten mal mit der Frage an, was Streetball im engeren Sinne überhaupt ist. Kurz gesagt: Eine Variation vom Basketball. Streetball wird im Gegensatz zum Basketball jedoch meistens nicht in offiziellen Ligen und Vereinen gespielt, sondern mit Freunden und anderen Streetballern in der Freizeit – besonders am Anfang oft in öffentlichen Parks und Plätzen statt in der Turnhalle. Während sich einige Grundregeln aus der Muttersportart Basketball ergeben, zeichnet sich die Faszination von Streetball aber vor allem durch andere Ziele und Spielweisen aus – wo genau die Unterschiede liegen und welche Regeln und Eigenheiten es zu beachten gilt, erfährst du in unserem Beitrag zu den Regelvariationen.

Was braucht man zum Streetball spielen? Einen Basketballkorb, einen Basketball und mindestens einen Gegner. Wer kann mitmachen? Jeder. Weder musst du in einem Basketballverein Mitglied noch bereits ein Vollblut-Profi sein, um mit auf den Court zu dürfen. Du denkst unter 1,90m Körpergröße musst du es erst gar nicht versuchen? Falsch: Gerade beim Streetball spielt eine geringere Körpergröße nicht nur eine untergeordnete Rolle, sondern kann sogar dein größter Vorteil sein. Beim Streetball hat jeder Court seine Eigenheiten und jedes Team seine eigenen Stärken, wodurch wirklich jeder willkommen ist: egal auf welchem Skill-Level du dich befindest, wie sportlich oder wie alt du bist.

Der Weg ist das Ziel

Aber warum ist das so? Würde man Leute fragen, was das Ziel von Basketball ist, wäre mit Sicherheit die wohl häufigste Antwort: Körbe erzielen. Das ist zwar beim Streetball auch nicht ganz falsch, da man so ein Match für sich entscheidet, ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Viel mehr ist beim Streetball der Weg das Ziel, also die Art und Weise, wie du einen Korb erzielst und was du auf dem Weg dahin abgeliefert hast.

Neben dem eigentlichen Korberfolg macht nämlich das Präsentieren der eigenen Ballkontrolle und die Kreativität und Präzision beim Ausführen von Tricks die Faszination und das Wesen von Streetball aus. Je ausgefallenere und schwierigere Bewegungen du mit dem Basketball in der Hand ausführen kannst, desto mehr Respekt bekommst du von deinen Mitspielern und Zuschauern gezollt. Oder anders ausgedrückt: Schaffst du es, deinem Gegenspieler den Ball durch die Beine zu spielen, interessiert sich kaum noch jemand dafür, ob du den Ball danach auch wirklich im Korb versenkst. Viel wichtiger ist, dass du einen geilen Stil hingelegt hast, der alle Anwesenden aus den Socken haut. Eine gute Show kann eben manchmal wichtiger sein als reine Effizienz.

Ein Steetball-Court vor einer Plattensiedlung

Die Geburtsstunde des Streetballs

Doch wo kommt Streetball eigentlich her? Entstanden ist Streetball in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Großstädten der USA. Die geringen Kosten und die Möglichkeit, diesen Sport ohne weitere Hürden im öffentlichen Raum auszuüben, boten vor allem Jugendlichen aus ärmeren Gegenden und Familien eine komplett neue Perspektive. Aus den Hinterhöfen von Hochhaus-Siedlungen kommend entwickelte sich nach und nach eine Bewegung, die eine perfekte Ablenkung vom harten Leben in der Siedlung bot und Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander verband.

Beim Streetball war es egal, von welcher Marke deine Sportklamotten kamen oder wie zerrissen deine Schuhe waren: auf dem Spielfeld waren alle gleich und niemand war durch bessere Ausrüstung oder andere Privilegien im Vorteil. Mit der Verbreitung des Sports kamen außerdem immer mehr Talente zum Vorschein, die sonst ihre Passion zum Basketball bzw. Streetball nie hätten entdecken können. So begannen nach und nach auch Talent-Scouts der NBA auf Streetball-Plätzen Ausschau nach möglichen Nachwuchsspielern zu halten, anstatt dafür ausschließlich die Sport-Kurse der High Schools und Universitäten zu besuchen. Das war der Moment, wo sich Streetball zusätzlich als Möglichkeit etablierte, eine bessere Zukunft für sich und seine Familie erreichen zu können und dem Leben im Ghetto zu entgehen. Diese Offenheit und dieser Zusammenhalt, die damals die Grundsteine der Streetball-Bewegung waren, sind bis heute erhalten geblieben und bilden weiterhin die Grundfeste dieser Bewegung.

Zwischen Sportart und Subkultur

Nach und nach entwickelte sich Streetball außerdem immer mehr weg von einer reinen sportlichen Aktivität (Street Basketball) hin zu einer kompletten Subkultur (Streetball), die alle Bereiche des Lebens durchzog. Dies zeigte sich vor allem in der Musik: Rap und Hip Hop sind damals wie heute enorm eng mit der Streetball-Kultur verbunden und ziehen ihre Kraft aus den gleichen Ideen und Perspektiven. Dies äußert sich bis heute auch in vielen Rap-Texten, in denen der musikalische Erfolg als Möglichkeit für ein besseres Leben und einzigartige Chance gilt – vergleichbar mit dem sportlichen Erfolg beim Street Basketball. Nicht selten ist dort von jenen Hinterhöfen die Rede, wo Streetball entstanden ist, sowie der dort herrschenden Kriminalität und Abwärtsspirale, zu der eine Ablenkung und Alternative gesucht wird.

Doch neben der Musik gibt es noch andere Strömungen und Einflüsse in der Streetball-Kultur. Das kann vom Kleidungsstil bis hin zur politischen Gesinnung gehen. Jeder, der sich auf die Streetball-Kultur einlässt, hat durch die Grundideale dieser Bewegung meist ein sehr eindeutiges Bild zu Themen wie Toleranz und Rassismus und eine eher links ausgerichtete Weltanschauung. Streetball ist also viel mehr als ein reiner Sport. Es  ist eine gesamte Subkultur, die verschiedenste Lebensbereiche in sich vereint, irgendwie versucht, immer das Positive zu sehen und Menschen zusammen zu bringen, um eine bessere Zukunft für alle zu erschaffen. Vielleicht ist es ja genau das, was Rafer Alston mit diesem Satz sagen wollte: „Steetball kept the city alive.“

Von Malte Müller

sports2discover

ALL RIGHTS RESERVED © 2015 FUELTHEMES | EDITED BY ONLINE-REDAKTEURE TH KÖLN 2016